Der Hildesheimer Vortrag 2017

Eine Kooperation des Rabbbinerseminars zu Berlin mit den Berliner Studien zum Jüdischen Recht

Menschlichkeit vs. Terrorismusbekämpfung? Ein jüdischer Blick auf aktuelle Gesetze zum Schutz der Menschlichkeit.

Oberrabbiner Dr. Warren Goldstein – Südafrika

„Defending Human Spirit – a Jewish Law Perspective on Protecting the Vulnerable“

Berlin, 11. Januar 2017; Vergangenen Montag war das Rabbinerseminar zu Berlin zum vierten Mal mit dem „Hildesheimer Vortrag“ zu Gast in der Humboldt Universität zu Berlin.

Der weit über die Landesgrenzen von Südafrika bekannte Oberrabbiner Dr. Warren Goldstein verglich in seinem Vortrag die schon vor Jahrtausenden gültigen Rechtskonzepte der Halacha mit denen aus Europa und anglo-amerikanischen Ländern. Hierbei stellte er fest, dass die jüdische Gesetzgebung oft praktischer am Leben orientiert angelegt ist, während in Europa – aus der Römisch-Holländischen Tradition heraus – die Gesetzgebung auf bestimmten Prinzipien beruht und die anglo-amerikanische Fall-spezifisch behandelt wird.

Ein Beispiel war u.a. der Tatbestand von Vergewaltigung in der Ehe, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa geduldet wurde, während sie im jüdischen Gesetz schon immer gesetzeswidrig war. Hierbei zeigt sich, wie modern und vor allem menschenfreundlich die jüdische Gesetzgebung schon lange ist. Dr. Goldstein zitierte Thomas Hobbes, der beschrieb, dass das Leben der Menschheit ohne Gesetz gemein, brutal und kurz sei. Ohne Gesetz herrscht Darwins Theorie vom „Überleben des Stärkeren“, bei dem die schwachen Mitglieder nicht geschützt werden.

Die jüdische Gesetzgebung jedoch beruht auf dem Schutz des schwächsten Glieds in der Gesellschaft. Das können ethnische oder religiöse Minderheiten sein, Witwen, Kinder und Waisen, Flüchtlinge oder sogar die Gesellschaft als Ganzes.

Die EU steht momentan vor dem Dilemma, dass die Mitgliedsländer aus der guten, menschlich-moralischen Verpflichtung heraus hunderttausenden von Flüchtlingen zu helfen, sich gleichzeitig potentiell einen IS-Attentäter ins Land holen. In dem Fall wird zwar den Flüchtlingen, die nichts mehr besitzen, außer ihrem Leben, geholfen, aber gleichzeitig, wird die Gesellschaft geschwächt, weil sie angreifbar geworden ist.

Ein wichtiger Begriff, den es zu definieren galt, war „Righteousness“ – Rechtschaffenheit –  im Sinne moralischer Gerechtigkeit und Güte, auf dem traditionell auch das jüdische Gesetz basiert. Während der Apartheid in Südafrika gab es zwar ein Gesetz, das jedoch auch dafür benutzt wurde, um Menschen zu unterdrücken. Es basierte also nicht auf moralischen Prinzipien, weil es die verletzlichen und schwachen Mitglieder der Gesellschaft benachteiligte, so wie auch während der Nazizeit in Deutschland.

Dr. Warren Goldsteins Lösungsansätze für mehr Menschlichkeit und die „Verteidigung des menschlichen Geistes“ sind klar definiert: Bildung, der Zugang zu Kapital, Schuldenerlass nach einer gewissen Zeit und ein freier Markt helfen Menschen, sich geistig und wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Die persönliche finanzielle Unabhängigkeit gewährt wiederum, dass mehr benachteiligten Menschen geholfen werden kann.

Seine abschließende Schlussfolgerung für ein friedliches Miteinander war, dass man jedem Menschen ein Umfeld bieten sollte, in dem er friedlich, frei und in finanzieller Unabhängigkeit leben kann. Nur so wird der (mit)menschliche Geist seine wahre Kraft entfalten und gedeihen.

Oberrabbiner Dr. Warren Goldstein

Der diesjährige Vortragende, Rabbi Dr. Warren Goldstein ist eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit.  Er ist seit ca. 13 Jahren Oberrabbiner von Südafrika (damals im Alter von 32 Jahren der jüngste Oberrabbiner, den es jemals in Südafrika gab), hat ein PhD im Human Rights Law und ist auch politisch sehr engagiert. Er hat diverse Bücher geschrieben, darunter „Defending Human Spirit – Jewish Law’s Vision for a Moral Society“, auf dem unser Thema basiert: „Defending Human Spirit – a Jewish Law Perspective on Protecting the Vulnerable“. 

Hildesheimer-Vortrag. Bisherige Redner

Die Hildesheimer Vortragsreihe wurde im Jahre 2013 gemeinsam von den Berliner Studien zum Jüdischen Recht und dem Rabbinerseminar zu Berlin ins Leben gerufen. Den ersten Vortrag hielt 2013 Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Conference of European Rabbis, als zweiter Redner war 2014 Prof. Nahum Rakover, ehemaliger Stellvertretender Generalstaatsanwalt Israels, zu Gast. Im vergangenen Jahr sprach Rabbiner Lord Jonathan Sacks zu dem Thema: „Violence and Law: ancient and contemporary reflections“.

Fotos schicken wir Ihnen auf Wunsch gerne auch in höherer Auflösung zu.

Sie zeigen Oberrabbiner Dr. Warren Goldstein und 

Prof. Dr. Christian Waldhoff – Humboldt Universität zu Berlin

(c) Rabbinerseminar zu Berlin, Fotograf: A. Janetzko

Die Hildesheimer Vorträge richten sich an ein breites Publikum aus den Rechts- und Sozialwissenschaften, der Politik- und der Religion, und ermutigen zu einer Diskussion über eines der dringendsten rechtlichen und politischen Themen unserer Gesellschaft: die Dualität von nationalem und religiösem Recht. Es sollen grundsätzliche Konflikte zwischen dem öffentlichem und dem privatem Bereich wie auch spezifische Problemstellungen beleuchtet werden. Ziel ist es, die öffentliche Diskussion zu bereichern und einen rechtswissenschaftlichen Beitrag zu mehr Dialog und Toleranz leisten. Die Vortragsreihe soll auch einen Einblick in die unterschiedlichsten Rechtskonzepte des jüdischen Rechts, der Halacha, gewähren, insbesondere unter Berücksichtigung der jahrtausendealten Tradition der Koexistenz mit anderen Rechtssystemen.
Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht vereinen Mitglieder der Juristischen und Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, der Jüdischen Gemeinde Berlin und des Centrum Judaicum. Gegründet von Ignatz Bubis, Prof. Dr. Bernhard Schlink und Dr. Roman M. Skoblo, haben sie zum Ziel, einen Einblick in die Rechtstraditionen des Judentums zu gewähren. Sie tun dies besonders durch die Lehrveranstaltungen im Rahmen der Gastprofessur für Jüdisches Recht jeweils im Sommersemester, die durch die Meyer-Struckmann- Stiftung gefördert wird. bsjr-logo-250
rabbinerseminar-logo-250 Das Rabbinerseminar befindet sich in dem Land mit der schnellsten wachsenden jüdischen Gemeinde weltweit. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder der Gemeinden hierzulande verdreifacht. Mit der Wiederbelebung, Neugründung und dem Wachstum der jüdischen Gemeinden steigt auch der Bedarf an religiöser und spiritueller Führung innerhalb der Gemeinden. Das Rabbinerseminar hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine neue Generation junger, dynamischer und ambitionierter Rabbiner auszubilden. Die Ausbildung umfasst neben dem intensiven halachischen Studium auch ein B.A. Studium in Jüdischer Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt sowie Schlüsselqualifikationen für den Rabbinerberuf.

Mit freundlicher Unterstützung von:

Bund traditioneller Juden in Deutschland lauder-logo-erweitert